Mensch und Menschheit
Mensch und Menschheit im Schrifttum Baha’u'lIahs
Was ist der Mensch?
1. “Homo homini lupus”? 13
2. Die Doppelnatur des Menschen 16
3. Der Mensch als Gegenstand der Wissenschaft .18
4. Zur philosophischen Anthropologie 22
5. Die Antwort der Religionen 24
6. Ziel der Schöpfung 25
7. Auf Transzendenz angelegt – zur
Vollkommenheit berufen 28
8. Zur Freiheit berufen 30
9. Der Kampf gegen das “Selbst” 34
10. Von der Würde des Menschen 36
11. Askese? 38
12. Wider den Hedonismus .40
13. Zur Ambivalenz des Menschen .42
14. La bete humaine .45
15. Die Ambivalenz der Religion .47
16. Ein neues Menschengeschlecht .49
Das Bild von der Menschheitsfamilie im Bahä’itum
1. Globalisierung als Herausforderung 57
2. Die Fragmentierung der Gesellschaft 60
3. Integration oder Kampf der Kulturen? 62
4. Ein neues Denken 64
5. Die multikulturelle Gesellschaft und was sie zusammenhält 66
6. Die Idee der einen Menschheit 67
7. Ein neues Ethos 72
8. Auf dem Weg zum Weltstaat 74
9. Die Aufgabe der Erziehung 75
Bibliographie 77
Namensindex 84
Sachindex 86
1. “Homo homini lupus”?
Dass der Homo sapiens der Schöpfung Krone sei, fällt vielen immer schwerer zu glauben angesichts der Destruktivität und Bestialität, zu der er fähig ist. Aus niederen Lebensformen hat er sich im Laufe der Evolution zu einem Ku1turwesen entwickelt, doch wehe, wenn die dunklen Triebe seiner Tierheit entfesselt werden und wieder die Oberhand gewinnen.
Ein “dünnes Apfelhäutchen über einem brodelnden Chaos” hat Friedrich Nietzsche die Kultur genannt, und wie oft, hat dieses Apfelhäutchen den atavistischen Mächten, dem “brodelnden Chaos” nicht standgehalten, wie oft ist die Barbarei über uns hereingebrochen.
Die Geschichte der Menschheit gleicht einem Schlachthaus, und das vergangene Jahrhundert war bei allem Fortschritts Optimismus und allen Errungenschaften von Wissenschaft und Technik in seiner blutigen Bilanz schlimmer als alle vorangegangenen: Zwei entsetzliche Weltkriege, die Katastrophen von Hiroshima und Nagasaki, der Vietnamkrieg und einander folgende Bürgerkriege ohne Zahl. Im Lande der Dichter und Denker, von einem Volk, das zu den kultiviertesten gehörte, wurde der Holocaust verübt. Nach Auschwitz, nach dem vom Pol Pot-Regime verübten Genozid in Kambodscha, dem ein Viertel der Bevölkerung zum Opfer fiel, nach den Massakern in Ruanda mit 900 000 Toten binnen weniger Wochen, nach unvorstellbaren Gräueln auf dem Balkan und anderswo und nun angesichts des wahnwitzigen Anschlags vom 11. September 2001 und wahrhaft apokalyptischer Perspektiven der Vernichtung fragt man sich: Was für ein Wesen ist der Mensch, dass er zu all dem fähig ist?
Wer an der Bestialität des Menschen verzweifelt, flüchtet leicht in den Zynismus. Das Wort von der “verfehlten Schöpfung” ist gefallen, eine “biologische Missgeburt” 2, einen “Irrläufer der Evolution”3 nannte Arthur Köstler den Menschen. Einen “Fehlschlag der Natur”4, ein “Attentat [der Natur] auf sich selbst”5, hat man in ihm gesehen, das “Untier” schlechthin – so der Titel eines zynischen Buches6 -, kurzum ein Wesen, das, aller Utopien und paradiesischen Visionen überdrüssig, die Erde, den Garten Eden, in ein Ruinenfeld, in einen Mond verwandeln wiId7. Das “Untier” wiId, so steht zu befürchten, wegen seiner “konstitutiven Mängel”8 seiner eigenen Gattung und allem Lebenden in einem finalen Paroxysmus den Untergang bereiten. Diese erschreckende negative Utopie macht schaudern, doch ist sie im Grunde schon bei Schopenhauer angelegt, der meinte, “dass wir besser nicht da wären”9:
Der Mensch ist im Grunde ein wildes, entsetzliches Tier, wir kennen es bloß im Zustande der Bändigung und Zähmung, welcher Zivilisation heißt Daher erschrecken uns die gelegentlichen Ausbrüche seiner Natur. Aber wo und wann einmal Schloss und Kette der gesetzlichen Ordnung abfallen und Anarchie eintritt, da zeigt sich, was er ist. Wer inzwischen auch ohne solche Gelegenheit sich darüber aufklären möchte, der kann die Überzeugung, dass der Mensch an Grausamkeit und Unerbittlichkeit keinem Tiger und keiner Hyäne nachsteht, aus hundert alten und neuen Berichten schöpfen … 10
1 E. M. Cioran, Die verfehlte Schöpfung, Frankfurt/M. 1979
2 Der Mensch, Irrläufer der Evolution, S. 14
3 op. cit., S. 121
4 Theo Löbsack, Versuch und Irrtum. Der Mensch: Fehlschlag der Natur, München 1974
5 E. M. Cioran, Geschichte und Utopie, S. 65
6 U1richHorstmann, Das Untier. Konturen einer Philosophie der Menschen Ducht, Frankfurt 1985
7 Horstmann spricht vom “Vermonden unseres Planeten” (Das Untier, S. 113).
8 op. cit. S. 10
9 Die Welt als Wille und Vorstellung n,2 (Kapite148),S. 709
10 Parerga und Paralipomena 11, 1. Teilband (140/4), S. 230 (Kap. 8) II das böse Tier schlechthin
Ähnliche Urteile finden sich in der philosophischen Literatur zuhauf: “l’animal mechant par excellence”ll hat Gobineaul2 den Menschen genannt, einen “Wolf, nannte ihn Thomas Hobbesl3.
Doch ist es die ganze Wirklichkeit des Menschen, die hier im Visier ist, ist dieses Urteil nicht einseitig? Ist ihm nicht auch ein Adel eigen, den keine andere Kreatur besitzt?
Dass es gefährlich ist, den Menschen allzu sehr auf seine Verwandtschaft mit den Tieren hinzuweisen, ohne ihn “gleichzeitig mit seiner Größe bekannt zu machen, ist eine Warnung, die Blaise Pascal im 17. Jahrhundert, lang vor Darwins Auftreten, ausgesprochen hat. 14
Seit der Mensch in die Geschichte trat, hat sein Genius Werke geschaffen, die alle Zeiten überdauern werden. In allen Kulturen gab es Dichter, Denker, Geistesfürsten Wegbereiter der Humanität, die die Menschen in höhere Gefilde geführt haben. Und niemand weiß die Zahl der Werke tätiger Nächstenliebe, aufopfernder Hingabe, selbstlosen Dienstes am Nächsten, an der Menschheit, die Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen geleistet haben.
Auch das ist der Mensch: Er kann zu einem engelhaften Wesen werden. Im Blick auf dieses Potential sagt Sophokles: Vieles ist gewaltig, doch das Gewaltigste von allem ist derMenschl5, und ähnliche Preisungen finden sich in der Weltliteratur die Fülle.
12 Essai sur l’inegalite des races humaines, 1853
13 “Homo homini lupus”, Elementa philosophiae, Paris 1642 ["Der Mensch ist
dem Menschen ein Wolt"]
14 “Il est dangereux de trop faire voir a I’homme combien il est egal aux betes,
sans lui montrer sa grandeur. I1 est encore dangereux de lui trop faire voir sa
grandeur sans sa bassesse. I1 est encore plus dangereux de lui laisser ignorer
l’un et I’autre. Mais il est tres avantageux de lui representer I’un et l’autre. I1
ne faut pas que l’homme croie qu’il est egal aux betes, ni aux anges, ni qu’il
ignore I’un et I’autre, mais qu’il sache l’un et l’autre” (Pensees, Nr. 236).
15 Antigone, Vers 334-335, Chor